Aktuelle Herausforderungen in der Rechtsbranche

Teil 3: Herausforderungen im Bereich Banking & Finance

In der Interview-Reihe "Aktuelle Herausforderungen in der Rechtsbranche" zeigen wir, wie unsere internationale Wirtschaftskanzlei mit Herausforderungen und Chancen in den aktuellen Zeiten umgeht. Im dritten Teil berichtet Silke Fritz, Counsel im Bereich Banking & Finance im Frankfurter Büro von Baker McKenzie, über Herausforderungen in ihrem Rechtsgebiet sowie über Karriereperspektiven als Wirtschaftsjurist in der Kanzlei. 

*Zugunsten der Lesbarkeit haben wir auf geschlechterspezifische Schreibweise verzichtet. Wir bitten um Verständnis.

Frau Fritz, was genau ist es, was Ihre Arbeit für Sie ausmacht und was fasziniert Sie daran?

Für mich bedeutet die Arbeit im Bereich Banking & Finance vor allem, ein gemeinsames Ziel aller Parteien umzusetzen, häufig innerhalb recht kurzer Zeit.

Dieser Bereich ist deshalb so interessant, da er eine Schnittstelle von Recht und Markt darstellt. Von Vorteil ist, wenn man nicht nur juristische Kenntnisse mitbringt, sondern sich auch für die wirtschaftlichen und politischen Aspekte und die mögliche Wechselwirkung aller Komponenten interessiert.

Im Bereich Banking & Finance haben die Parteien ein gemeinsames Ziel – die Verhandlungen sind also zielgerichtet und lösungsorientiert. Auch wenn jeder Vertreter versucht, das Beste für seine Mandantin zu erreichen, arbeiten alle Parteien meist eng zusammen. Innerhalb der Kanzlei setzt sich das Team bei den meist grenzüberschreitenden Transaktionen aus Kollegen aus verschiedenen Büro bzw. Jurisdiktionen zusammen. Diese Internationalität ist für mich noch immer faszinierend. Da die Transaktionen oft innerhalb eines festgesetzten Zeitraums abgeschlossen werden müssen, ist es wichtig, gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Wenn dann am Ende in der "heißen Phase" einer Transaktion alle Fäden zusammenlaufen und man den Deal zu einem erfolgreichen Abschluss bringt, ist das für alle ein sehr gutes Gefühl und schweißt – unabhängig vom Standort – das Team zusammen. 

 

Welche Themen treiben Sie aktuell um?

Inhaltlich sind das neben dem immer noch aktuellen Themenkomplex "Brexit" und seinen Auswirkungen auf die Finanzbranche, die "Abschaffung" des Referenzzinssatzes LIBOR und vor allem mit der Corona-Pandemie im Zusammenhang stehende Themen, z.B. durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) geförderte Finanzierungen.

Die Corona-bedingte Wirtschaftskrise stellt Unternehmen vor enorme Herausforderungen. Besonders von Einschränkungen wie (Teil-)Lockdowns und der Krise betroffene Unternehmen haben häufig Liquiditätsengpässe. Die Folge: Diese Unternehmen nehmen zusätzliche Fremdmittel auf, z.B. durch die KfW u.a. in ihrem „KfW-Sonderprogramm 2020“ bereitgestellte Mittel, oder ziehen bestehende Linien frühzeitig vollständig. Diese Fremdmittel müssen sie natürlich auch wieder zurückführen.

Auch die Banken stehen vor neuen Herausforderungen wegen der erheblich gestiegenen Anzahl an Anfragen und dem daraus resultierenden Beratungsbedarf. Hausbanken stellen die Mittel bereit, die über die Förderprogramme der KfW zur Verfügung stehen. Die nehmen außerdem, für die KfW entsprechende Prüfungen vor und erstellen, ggf. gemeinsam mit anwaltlichen Beratern, meist sehr kurzfristig die Dokumentation.

Wichtige Themen sind außerdem für uns als Kanzlei und für mich persönlich das "in Kontakt bleiben" und die neue Art der Zusammenarbeit (s. dazu auch weiter unten in meinen Antworten).

Die drei größten Herausforderungen im Banking & Finance - was kommt Ihnen spontan in den Sinn?

Die unmittelbarste Herausforderung ist meines Erachtens die Corona-Pandemie und die dadurch ausgelöste Wirtschaftskrise.

Die nächsten Monate, vor allem mit der nunmehr wieder uneingeschränkten Insolvenzantragspflicht seit Mai 2021 sowie dem Wegfall weiterer staatlicher Hilfen, wie den Regelungen zum Kurzarbeitergeld, und Jahre werden zeigen, wie gut Unternehmen durch die Krise kommen, wie groß ihr erneuter Kapitalbedarf sein wird und inwieweit diesen Banken abfedern können. Die Banken sind aus meiner Sicht gut aufgestellt, wenngleich sich durch die Krise sicherlich enorme Herausforderungen ergeben haben und weiter ergeben werden. Diese Gemengelage wird tendenziell dazu führen, dass Kanzleien im Bereich Banking & Finance, ebenso wie im Bereich Insolvency & Restructuring gesuchte Berater sein werden.

Die Krise führt aus meiner Sicht außerdem zu einem weiteren Preisdruck auf Kanzleien insgesamt, auch auf den Bereich Banking & Finance. Das erfordert nicht zuletzt, dass Kanzleien sich mit Innovation und Digitalisierung sowie Prozessoptimierung auseinandersetzen und diese umsetzen.

Was braucht es, um im Banking & Finance Bereich Mandanten erfolgreich beraten zu können und welche Fähigkeiten sind es, die Sie hierfür nutzen?

Um Mandanten erfolgreich beraten zu können, ist es wichtig, ein Verständnis für ihr Geschäft zu haben. Daneben benötigt man allgemeines wirtschaftliches Verständnis, sehr gute juristische Kenntnisse sowie Commitment. Der Mandant sollte möglichst zu jeder Zeit das Gefühl haben, dass er momentan das Wichtigste ist und das sollte er zu dem Zeitpunkt auch sein.

Sie sind selbst Wirtschaftsjuristin und entschieden sich für den Associate Alternative Track, im letzten Jahr wurden Sie zum Counsel ernannt. Wo liegen die Unterschiede zum Partner Track und wie erleben Sie den Track in der Praxis?

Ein Unterschied und außerdem wichtigster Faktor für mich ist, dass der Associate Alternative Track auch Wirtschaftsjuristen offensteht. Die Kanzlei hat bereits 2014 diesen flexiblen Karriereweg eingeführt, um engagierten Juristen, Steuerberatern und Ökonomen eine Alternative zum klassischen Partner Track zu bieten.

Volljuristen eröffnet der Alternative Track die Möglichkeit, dauerhaft in einer internationalen Großkanzlei zu arbeiten mit einer geringeren Stundenanforderung und weniger Business Development Aktivitäten.

Unterschiede in der täglichen Arbeit zwischen den Kollegen auf den beiden Tracks kann ich kaum feststellen. Diese ergeben sich auch nicht hinsichtlich des Staffings von Projekten oder in der Wertschätzung. Da ich weitestgehend eigenständig arbeite, kann ich zudem meine Arbeit relativ flexibel gestalten.


Für wen steht die Tür des Alternative Tracks offen?

Der Alternative Track steht neben Volljuristen auch Wirtschaftsjuristen, Steuerberatern und Ökonomen offen. Derzeit befinden sich ca. 20 Kollegen auf dem Alternative Track.

Voraussetzung ist, dass man überdurchschnittliche Qualifikationen mitbringt. Während der Partner Track die Ernennung zum Partner eröffnen kann, bietet der Alternative Track die Möglichkeit, Counsel zu werden. Volljuristen auf dem Alternative Track steht zudem der Wechsel auf den bzw. zurück auf den Partner Track offen.

Welche Rolle spielt der Track in Sachen auf die Work Life Balance – auch für Sie persönlich?

Ein Grund, den Alternative Track zu wählen, sind die etwas geringeren Anforderungen, was Billables und Business Development-Tätigkeiten angeht. Das ermöglicht beispielsweise vielen Kollegen, Familie und Beruf im Alltag "unter einen Hut zu bekommen". Auch viele jüngere Kollegen haben einen stärkeren Wunsch nach einer ausgeglichenen Work-Life-Balance als dies noch vor einigen Jahren der Fall war.

Für mich persönlich war dies aber nie der Treiber. Da meine Arbeit größtenteils aus Transaktionsarbeit besteht, spielt auch Flexibilität in Sachen Arbeitszeiten eine wichtige Rolle. Zudem gibt es auch immer wieder einmal ruhigere Zeiten, die man dann nutzen kann, um einen Ausgleich zu schaffen.

Wie hat sich Ihr Aufgabengebiet über die Jahre hinweg entwickelt? Und wie zuletzt im Laufe des vergangenen Jahres im Zuge von Corona?

Mein Aufgabengebiet hat sich im Laufe meiner Zeit bei Baker recht analog zu dem eines Volljuristen entwickelt. Während ich anfangs wie jeder Einsteiger weitestgehend erfahreneren Kollegen zu- und eng mit diesen zusammengearbeitet habe, übernehme ich seit einiger Zeit häufig die Führung von Projekten, meist zusammen mit einem Partner.

Inhaltlich haben sich im Laufe von 2020 und im Zuge von Corona nicht sehr viele Änderungen ergeben. Was sich geändert hat, sind die Umstände und die Art der Zusammenarbeit. Viele Kollegen und Mandanten arbeiten außerhalb des Büros, Meetings finden meist als Videokonferenz statt. Gemeinsame Mittagessen mit Kollegen oder Mandaten gibt es aktuell kaum. Unsere Kanzlei und unser Team haben jedoch Wege gefunden, um in Kontakt zu bleiben.

So rief unser HR-Team im März 2020 die virtuelle Initiative "StayConnected" ins Leben. Ziel war und ist es, weiter im Austausch und in Kontakt zu bleiben. Die Initiative beinhaltet E-Learning/E-Training/E-Coaching, Tipps/Q&As, Networking und Fitness/bWell, ebenso wie Townhall Meetings mit dem Management.

Unser EMEA Leadership & Learning Team bietet zudem ein abwechslungsreiches Programm an, das auch Mandanten offensteht. In unserem Team finden zweimal wöchentlich virtuelle Teammeetings mit der gesamten Praxisgruppe statt. Außerdem treffe ich mich mit unseren Law Clerks, also Praktikanten, Referendaren und juristischen Mitarbeitern, wöchentlich nachmittags auf einen virtuellen Kaffee.

Wie wird der Rechtsmarkt der Zukunft aussehen, kurz heruntergebrochen auf Ihr Rechtsgebiet?

Nachhaltigkeit sowie Innovation und Digitalisierung sind Schlagworte, deren Bedeutung künftig noch wachsen werden, auch im Bereich Banking & Finance. Branchenunabhängig stehen diese Themen seit einiger Zeit weit oben auf der Prioritätenliste von Unternehmen. Unternehmen, die auf Nachhaltigkeit setzen sowie Innovation und Digitalisierung vorantreiben, werden in Zukunft nach meiner Einschätzung erfolgreicher sein. Diese Unternehmen werden vermutlich auch die derzeitige Krise besser bewältigen können.

Für Banken gilt grundsätzlich das Gleiche, nicht zuletzt, weil die Europäische Kommission und die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) den Wandel zu Sustainable Finance maßgeblich unterstützen. Das Auseinandersetzen mit und die Umsetzung von ESG-Faktoren (ökologischen, sozialen und Governance-relevanten Faktoren) wird an Bedeutung gewinnen und bei Unternehmen, Investoren sowie bei Banken im Rahmen der Kreditvergabe eine Rolle spielen, da diese die "Klimabewertung" des Portfolios der Banken positiv beeinflussen kann.

Innovation und Digitalisierung werden auch weiterhin wichtig sein und sind Voraussetzung, um konkurrenzfähig zu bleiben. Das gilt auch im Bereich Banking & Finance, für Banken, Unternehmen und Kanzleien gleichermaßen.

Zudem gehe ich davon aus, dass künftig digitale Zahlungsmittel wie Kryptowährungen eine wichtigere Rolle spielen. In diesem Zuge könnte auch das Thema Blockchain wieder mehr Aufmerksamkeit und Relevanz bekommen; in den letzten Monaten ist dieses etwas aus dem Fokus geraten.

Ihr Tipp für Nachwuchsjuristen, die sich für Banking & Finance interessieren und ggf. auch wie Sie damals als Wirtschaftsjurist vor dem Berufseinstieg stehen?

Ob der Bereich Banking & Finance zu einem passt, erfährt man am besten, wenn man es während eines Praxiseinsatzes, Praxissemesters, in einer Station oder als Referendar einfach einmal ausprobiert. Unsere Kanzlei bietet u.a. auch ein Mentorenprogramm an, das Career Mentorship Program, das Nachwuchsjuristen ein langfristig in ihrer Ausbildung begleitet - mit einer Mentorship University, der Möglichkeit, ins Ausland zu gehen, Legal English Kursen, einem jährlichen Summer Camp, Entwicklungsgesprächen u.v.m. Unsere Mentees sind Teil eines Teams, erweitern kontinuierlich ihr Netzwerk, treffen Mentee Kollegen zum Erfahrungsaustausch und arbeiten gemeinsam mit Anwälten auf Mandaten mit.

Absolventen eines wirtschaftsrechtlichen Studiengangs kann ich mitgeben, dass einige Großkanzleien inzwischen wirklich attraktive Angebote und Karrierewege auch für Wirtschaftsjuristen haben. Mit der Veränderung im Kanzleiumfeld, z.B. wegen der Globalisierung und Digitalisierung, ist auch die Nachfrage nach und sind die Einsatzmöglichkeiten für Wirtschaftsjuristen gestiegen.


Zur Interviewpartnerin:

Silke Fritz LL.M. ist Wirtschaftsjuristin und Counsel der Praxisgruppe Banking & Finance bei Baker McKenzie in Frankfurt. Seit mehr als zehn Jahren berät sie Banken, Finanzinvestoren sowie Kreditnehmer in bank- und finanzrechtlichen Angelegenheiten. 


Dieser Beitrag ist erschienen im Newsletter 'Karriere-Jura', für dessen Bezug Sie sich auf dieser Seite eintragen  können.

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