Auf in den Wahl(kampf)!

Georg M. Sieber

Gnadenlose Wahlkampfzeiten. Sie bescheren dem lesekundigen Wahlvolk immer wieder verstörende Erlebnisse. Ob orthografische, syntaktische oder lexikalische Perlen deutscher Formulierungsfreude – auf heute so genannten Flyern werden sie unter arglose Spaziergänger verteilt, lieblos in überquellende Briefkästen gestopft oder stapelweise auf Eingangsstufen von Villen, Plattenbauten und Siedlungsanlagen abgelegt. Sie müssen zur Wahl motivieren, koste es was es wolle.

Texter der besseren Kreativstudios bringen schon seit gefühlten 100 Jahren den verständnisheischenden Zwinkerer, dieses und jenes „geht anders“. Gleich zur Sache: „Wählen geht anders!“ Ob damit Zuwendung, Neugier, Staunen oder vielleicht Dominanzträume zu wecken sind, weiß niemand. Deswegen kann auch niemand, wirklich niemand widersprechen. Dieses Idiome stamt nämlich sicher aus dem Großraum-Zickensprech á la „Geht ja gaaar nicht“. Mit diesem „geht anders“ will der Werbemensch wahrscheinlich jenen sagenhaften Qualitätssprung (Quantensprung) nur andeuten, den man vom Gebrauchtwagen-handel kennt: „Wer sein Auto verkaufen will, schlägt sich doch nicht mehr mit jedem Interessenten herum. Autoverkauf geht heute anders.“ Das will heißen: einfacher, schneller, angenehmer.

Dagegen klingt „Landtagswahl geht anders“ nicht wirklich nach einer einfacheren, schnelleren und angenehmeren Lösung, sondern nach mehr Umstand, steileren Ansprüchen und dornigeren Hürden. Das offenbart schon der Blick auf die fremdartigen Wörter. Wahlkreis? Stimmkreis? Bezirkstagsliste? Personenwahl? Auch das Wahl-“Geschehen“ wie man in Lockdown-Zeiten sagen dürfte, wirkt im Vergleich zu Misswahlen oder Juryregeln (Kunst-Eislauf!) reichlich intransparent. So ein Wahlgeschehen ist offenbar nicht ganz leicht zu beschreiben.

Odoo - Sample 1 for three columns


Schon landet man auf der nächsthöheren Abstraktionsebene, die ihre eigenen Schwierigkeiten bietet. Was sich da liest, als gehe es um ein Scenario der künstlichen Intelligenz, ist im Grunde nur ein erster Schritt ins Konkrete, der die Tätigkeit eines Landtagswählenden in Worte fassen will: „Im Gegensatz zur Bundestagswahl werden hier beide Stimme zusammen gezählt.“ Gegensatz? Offensichtlich wollte der Textkünstler mit dem wunderlichen „….geht anders“ nur einen der Unterschiede zur Bundestagswahl erwähnen. Dann hätte er aber doch zuvor wissen müssen, a) was sein Flyer-Leser weiß und b) wie so eine Bundestagswahl läuft und c) woran man den angeblichen Gegensatz erkennen kann.

Da er das alles aber nicht wissen kann, hätte er sich am Ende doch am besten mit der Formulierung „Anders als bei der Bundestagswahl….“ ins Trockene retten können. 

Odoo - Sample 2 for three columns

Auch das Auszählen der Wahlkreuze klingt einfacher als es ist. Immerhin gibt ja der Flyer zu bedenken, dass bei der Landtagswahl die Stimmen stets von mehreren Personen zusammen gezählt werden (gemeinsam? in Gruppenarbeit?). Warum macht man das nur bei Personenwahlen so, wie der Flyer behauptet? Wie nennt man denn die anderen Wahlen, bei denen es ja vielleicht nicht um Personen geht, sondern… .? Gilt da die Kommiss-Regel „Wer mitdenkt, hat selber schuld“?

Frischgebackene Wähler/Wahlkämpfer belehrt jetzt der kluge Flyer:                                                                            Erst- und Zweitstimme entscheiden über den Erfolg des einzelnen Kandidaten und über den Einzug in das Parlament. Natürlich ist es nicht so, dass “Erst- und Zweitstimme“ über „den“ (einen) Erfolg entscheiden! Warum spricht der Flyer ausdrücklich vom Erfolg „des einzelnen Kandidaten“? Wo bleiben die Frau? Kandidat kommt vom lateinischen „candidus“, weiblich „candida“. Wer weiß das noch? Das Wort benennt den männlichen weißgekleideten Amtsbewerber im frühen Rom und bedeutet weiß. Und dann ? Wie ist das mit dem „Einzug“ ins Parlament? Nicht die Bewerber, sondern deren Partei zelebrieren den Einzug. Wie aber darf man sich das vorstellen? Als feierliche Prozession? Mit Blasmusik oder Orgelgebraus? Unter Konfettiregen? Bilden dazu die zusammen (also miteinander) ausgezählten Bewerber(innen) ein Spalier? Hat das schon mal jemand miterlebt?

Was will der Flyer mit seinen Spezial-Wörtern den 08/14-Leser lehren? Dabei verrät der Polit-Magister selber heftigen Lernbedarf. Eine der groben Wissenslücken nur als Beispiel: Die Partei widme sich mit ganzer Kraft den „Bildungseinrichtungen“ und zwar „von der Kinderkrippe über alle Schularten bis zur Universität“, so heißt es da. Aber wo bitte bleibt die Mehrzahl der Bildungseinrichtungen, die der Religionsgemeinschaften und Vereine, der Berufsbildung und der Akademien, der Museen und Bühnen? Und gehören nicht auch die Sportvereine mit ihren Arenen, Hallen, Plätzen und Bädern dazu? Oder die Programme der Jugendverbände und wo die betrieblichen Bildungsaktivitäten, die der privaten und beruflichen Fort- und Weiterbildung gegenüber stehen. Und not least: Wo bleiben die Parteien, deren Bildungsauftrag wohl zu Recht oft übersehen wird?


 

Woher bitte kommt denn die gepriesene „weltbeste Bildung“? Die nichtstaatlichen Schulmeister (m/w/d) sind bestimmt keine Mehrheit in der Szene. Aber sie tragen den Löwenanteil der Bildungsarbeit (Nicht eingerechnet: Hauslehrer). Der Flyer-Text will sich damit nicht aufhalten. Hält es seine Partei den wirklich mit „den“ Bildungseinrichtungen?

Zur Gesundheit, resp. zum Gesundheitswesen bekennt sich der Flyer nur mit einem einzigen rätselhaften Satz, der allerdings von mindestens zwei Druckfehlerteufeln geschrammt wurde: Sic: „Dazu müssen freiberufliche Strukturen underhalten bleiben, ebenso wie die die freie Arzt- und Therapiewahl.“ Hat da jemand korrigiert?

In Wahlkampfzeiten würde man der politischen Bildungsarbeit mittels Flyer durchaus die eine oder andere Korrektur-Runde wünschen. Solche Wünsche perlen wahrscheinlich an viel zu vielen Wahlkampfaktivisten ab. Eine Rechtsschreibnote für Wahlkampftexte, für Briefe wie Drucksachen würde zur der Hypothese führen, dass die Autorinnen und Autoren sozusagen mitten aus dem Volk kommen. Tatsächlich präsentieren sich in den Parlamenten überdurchschnittliche Anteile an Akademikern, an Hochschulreifen und anderen gehobenen Bildungsteilnehmern. Nein, man darf und muss sich ärgern, wie dreist und bedenkenlos manche Parteikader dem Wähler gegenübertreten – nicht nur formal, sondern gern auch inhaltlich.

Ein großer US-Schriftsteller erklärte in einem deutschen Nachrichtenmagazin, die amerikanischen Wähler seien zum Denken nur wenig aufgelegt. Wer wäre das schon? Bei uns beginnt die Denkträgheit nicht selten schon bei denen, die Wahlkampf-Flyer schreiben und dann das Korrekturlesen vergessen. 







Unser Autor

Ge­org M. Sie­­­ber, Jahr­­­­­gang 1935, ist Di­­­­plom­­­psy­­­­cho­­­­­­lo­­­ge in Mün­­­­­chen. 1964 grün­­­­­de­­t­e er sein In­­­s­­ti­­­­­tut für An­­­­­­ge­­­­­­wand­­­­­te Psy­­­­cho­­­­­­lo­­­­gie, die In­­­­­te­l­­l­i­­­­­genz Sys­­­­tem Tran­s­­­­­­fer GmbH (11 Nie­­­der­­­­­las­s­­­un­­g­­en). Sein per­­­­­­sön­­­­­­li­ch­­es In­­­­­te­r­­­­­es­­­sen­­­­­­ge­­­­­biet sind Schrif­­­­t­­en his­­­­­­to­­­r­­i­sch­­­­er Vor­­­­­­läu­­f­­­er der heu­­­­t­­i­­­gen Psy­­­­­cho­­­­­­lo­­­­­gie, de Fe­­­­de­­r­­­i­­co II., Ma­­­chi­a­­­­vel­­li, Pa­­­l­la­­d­i­o, Í­­ni­­go Ló­­pez de Lo­­­yo­­­la u.a.

Für den fach­­­­­li­ch­­­en Aus­­­­­tausch steht er ger­­­ne zur Ver­­­­­fü­­g­­­ung: 089 / 16 88 011 oder per e­Mail:

Georg.Sieber@IST-Muenchen.de

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